Claudia Deller und Kevin Dasen

Claudia Deller I Co-Leiterin Fachstelle Berufliche Integration

Kevin Dasen I Co-Geschäftsleiter
«Erfolg lässt sich nicht an einem einheitlichen Massstab messen, sondern muss stets im Kontext der jeweiligen Voraussetzungen betrachtet werden.»
Terra Vecchia bietet Menschen mit Unterstützungsbedarf strukturierte Arbeitsplätze sowie Ausbildungs- und Integrationsmassnahmen an.
Claudia: Arbeitsintegration bedeutet, Menschen mit ihren individuellen Fähigkeiten, Ressourcen und Voraussetzungen auf ihrem beruflichen Weg zu begleiten. Ziel ist die Rückkehr in eine passende Arbeitssituation. Dafür braucht es ein tragfähiges Netzwerk aus verschiedenen Fachpersonen, Therapeutinnen und Therapeuten, Ärztinnen und Ärzten sowie engagierten Arbeitgebenden. Auch wenn eine vollständige Unabhängigkeit von der IV nicht erreicht werden kann, bleibt gesellschaftliche Teilhabe – beispielsweise durch eine Arbeitsstruktur – von grosser Bedeutung.
Kevin: Arbeitsintegration ermöglicht Menschen, wieder unabhängig zu werden und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Insbesondere die finanzielle Unabhängigkeit ist für viele zentral. Deshalb nimmt Arbeit in all unseren Angeboten eine wichtige Rolle ein – auch in der Suchttherapie. Sie schafft Struktur, stärkt die Selbstständigkeit und ist ein wesentlicher Bestandteil des therapeutischen Prozesses.
Welche Zielgruppen begleiten Sie?
Claudia: Wir begleiten Menschen vom Jugendalter bis ins Pensionsalter mit körperlichen oder psychischen Herausforderungen sowie erschwertem Zugang zum ersten Arbeitsmarkt. Zudem unterstützen wir viele Personen, die aufgrund von Burnout, Angststörungen oder längeren Krankheitsphasen ihre berufliche Situation neu gestalten müssen. Im sozialtherapeutischen Bereich betreuen wir teilweise bereits Kinder ab neun Jahren, die häufig aus der Regelschule oder nach ersten stationären Aufenthalten zu uns kommen.
In welchen Berufen findet Ihre Klientel eine Arbeit?
Claudia: Intern bieten wir Einsatzmöglichkeiten zum Beispiel in handwerklichen Bereichen sowie in der Administration, Buchhaltung, Gastronomie und Hauswirtschaft an. Die Integrationsmassnahme muss dabei nicht dem ursprünglich erlernten Beruf entsprechen. Im Vordergrund stehen der schrittweise Wiedereinstieg, der Aufbau einer Arbeitsstruktur und ein Start in einem angepassten Pensum. Für viele Betroffene erweist sich ein berufsfremdes Tätigkeitsfeld sogar als besonders hilfreich.
Kevin: Die konkrete Branche ist zu Beginn von untergeordneter Bedeutung. Viele Personen arbeiten beispielsweise im Betrieb DiPLo mit Glaswaren oder in der Textilmanufaktur, ohne entsprechende Vorerfahrung mitzubringen. Entscheidend ist vielmehr, dass sie eine Tätigkeit finden, die sie motiviert, Freude bereitet und einen gelungenen Wiedereinstieg ins Arbeitsleben ermöglicht.
Wie läuft bei Ihnen der Prozess der Arbeitsintegration ab (z.B. Aufbau / Ausbildung in eigenen Werkstätten über begleitete Wiedereingliederung im ersten Arbeitsmarkt und feste Arbeitsstelle)?
Claudia: Der Integrationsprozess erfolgt in der Regel in dreimonatigen Phasen, die an die Kostengutsprache des jeweiligen Kostenträgers gebunden sind. Die vorgegebenen Ziele orientieren sich am individuellen Entwicklungsstand der Teilnehmenden. Wichtig ist zunächst der Aufbau einer Arbeitsstruktur, die schrittweise Erhöhung des Pensums und die Steigerung der Belastbarkeit. Anschliessend werden berufliche Perspektiven entwickelt, gegebenenfalls ergänzt durch interne Schnuppereinsätze. Ziel ist die nachhaltige Integration in den ersten Arbeitsmarkt, die bei Bedarf durch ein finanziertes Coaching begleitet wird. Im Idealfall führt ein Arbeitstraining zu einem Arbeitsversuch und daraus zu einer festen Anstellung.
Kevin: Die IV spricht grundsätzlich Kostengutsprachen für drei Monate. Die dreimonatige Zeitspanne reicht insbesondere bei Personen nach einem Klinikaufenthalt häufig nicht aus. In solchen Fällen werden Empfehlungen für eine Verlängerung eingereicht. Zusätzlich können Coachingstunden bewilligt werden, um die Teilnehmenden auch während einer Anstellung weiterhin zu begleiten und den Integrationserfolg langfristig zu sichern.
Wann ist für Sie eine Arbeitsintegration gelungen und woran erkennen Sie, dass jemand wirklich angekommen ist?
Kevin: Eine Arbeitsintegration ist dann gelungen, wenn die individuellen Ziele einer Person erreicht werden und eine passende, stabile Form der Teilhabe am Arbeitsleben möglich wird. Erfolg lässt sich nicht an einem einheitlichen Massstab messen, sondern muss stets im Kontext der jeweiligen Voraussetzungen betrachtet werden. Auch wenn jemand aufgrund seiner Einschränkungen keine Anstellung im ersten Arbeitsmarkt finden wird, kann ein erreichter Abschluss oder eine langfristig gesicherte Tagesstruktur ein bedeutender Integrationserfolg sein. Im Rahmen von IV-Massnahmen besteht zudem häufig das Ziel, den letzten Teil einer Ausbildung extern zu absolvieren und den Übergang in die Arbeitswelt möglichst selbstständig zu gestalten.
Welches sind aktuell die grössten Hürden auf dem Weg zur Arbeitsintegration - sei es auf Seite der Teilnehmenden, bei Ihnen oder auf Seite der Arbeitgeber?
Claudia: Eine der grössten Herausforderungen ist die gesundheitliche Ausgangslage der Teilnehmenden. Es gilt, sie gezielt zu fördern, ohne sie zu überfordern. Gleichzeitig müssen die Vorgaben der Kostenträger berücksichtigt werden, auch wenn die betroffenen Personen teilweise noch nicht über die nötige Stabilität verfügen. Eine weitere Hürde besteht darin, passende Arbeitsplätze zu finden, die den individuellen Bedürfnissen – beispielsweise hinsichtlich Belastbarkeit oder ergonomischer Anforderungen – gerecht werden.
Kevin: Im Arbeitsalltag stellen Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit häufig eine Herausforderung dar. Unregelmässige Anwesenheit oder wiederholte Unpünktlichkeit erschweren die Integration, selbst wenn die fachliche Entwicklung positiv verläuft. Gerade im Hinblick auf eine spätere Anstellung sind solche Kompetenzen jedoch zentral. Gleichzeitig tragen wir gegenüber unseren Kundinnen und Kunden Verantwortung und müssen Arbeitsaufträge trotz Zeitdruck zuverlässig erfüllen. Eine offene Kommunikation und realistische Erwartungen gegenüber allen Beteiligten sind deshalb besonders wichtig.
Wie sensibilisieren Sie Arbeitgeber für die besonderen Eigenschaften und Bedürfnisse der Arbeitsuchenden - ohne dass eine Stigmatisierung entsteht?
Claudia: Im Austausch mit Arbeitgebern gilt das Prinzip: so wenig wie möglich, so viel wie nötig preisgeben. Erste Anfragen erfolgen häufig anonymisiert, wobei die Situation und die relevanten Rahmenbedingungen geschildert werden. Wichtig ist, mögliche Herausforderungen offen anzusprechen, damit Arbeitgeber einschätzen können, welche Ressourcen und Kapazitäten erforderlich sind. Viele Betriebe erleben ihr Engagement zudem als wertvollen gesellschaftlichen Beitrag.
Kevin: Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist es wichtig, Arbeitgeber über alltagsrelevante Herausforderungen zu informieren, ohne dabei unnötige Details preiszugeben. Diagnosen können, sofern die betroffene Person einverstanden ist, hilfreich sein, die persönliche Vorgeschichte muss jedoch nicht offengelegt werden. Dadurch lässt sich einer Stigmatisierung entgegenwirken. Gleichzeitig erleben viele Arbeitgeber die Zusammenarbeit als Bereicherung und schätzen die zusätzliche Unterstützung im Betrieb.
Mit welchen Partnern (Behörden, Unternehmen, Institutionen, etc.) arbeiten Sie eng zusammen und was macht diese Kooperation erfolgreich?
Claudia: Wir arbeiten eng mit verschiedenen Partnern zusammen, wobei die meisten Anmeldungen über die IV, Sozialdienste und die Jugendanwaltschaft erfolgen. Der regelmässige Austausch und die gemeinsame Ausrichtung auf die individuellen Ziele der Teilnehmenden bilden die Grundlage einer erfolgreichen Kooperation.
Kevin: Rund 90 Prozent der Anmeldungen erfolgen über die IV. Darüber hinaus pflegen wir eine zunehmend intensive Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und externen Partnern. Erfolgreich sind diese Kooperationen insbesondere dann, wenn sie von gegenseitigem Vertrauen, klarer Kommunikation und einem gemeinsamen Verständnis für die Bedürfnisse der betroffenen Personen geprägt sind.
Wie schätzen Sie den Rückhalt und die Bereitschaft zur Finanzierung in Gesellschaft und Politik ein?
Kevin: Den Rückhalt und die Bereitschaft zur Finanzierung schätzen wir derzeit als stabil ein. In der Vergangenheit führten politische Prozesse und Strategiewechsel der IV teilweise zu Unsicherheiten und Herausforderungen. Aktuell zeigt sich jedoch eine konstante Unterstützung. Auch die gesellschaftliche Haltung gegenüber der Arbeitsintegration wird überwiegend als positiv wahrgenommen – das Bewusstsein für deren Bedeutung und der Rückhalt in der Bevölkerung sind insgesamt gut verankert.
Welche Rolle spielt der Standort (Räumlichkeiten, Lage, Umfeld) für ihre tägliche Arbeit und für die Menschen, die Sie begleiten?
Claudia: Der Standort und die räumliche Gestaltung spielen eine wichtige Rolle für den Integrationserfolg. Grosse Betriebe oder stark frequentierte Arbeitsumgebungen können viele Teilnehmende aufgrund der zahlreichen Reize überfordern. Deshalb sind überschaubare Strukturen, Rückzugsmöglichkeiten und separate Räume besonders wertvoll. Ebenso wichtig ist eine gute Erreichbarkeit, da bereits der Arbeitsweg für manche Personen eine grosse Herausforderung darstellt. Konstante Bezugspersonen und ein stabiles Umfeld tragen zusätzlich dazu bei, Sicherheit und Vertrauen aufzubauen.
Kevin: Für die Teilnehmenden ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Gemeinschaft und kleineren, geschützten Einheiten entscheidend. Zu grosse Gruppen und viele Personen in einem Raum können belastend wirken. Die räumliche Nähe mit dennoch getrennten Abteilungen in den neuen Werkhallen bewährt sich. Zudem wichtig sind Kontinuität, Stabilität und klare Strukturen im Arbeitsalltag.
Wie wird sich Arbeitsintegration durch Digitalisierung (Remote-Arbeit, flexible Modelle, KI am Arbeitsplatz, etc.) und Veränderungen im Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren verändern?
Claudia: Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt zwar weiter verändern, in denen von uns angebotenen Berufsfeldern sind die Möglichkeiten jedoch begrenzt. Insbesondere in Aufbautrainings sind die persönliche Begleitung, die direkte Zusammenarbeit und die schrittweise Entwicklung einer Arbeitsstruktur zentral. Eine Durchführung im Homeoffice ist unter diesen Voraussetzungen nur schwer umsetzbar.
Kevin: Integrationsmassnahmen im Homeoffice wurden zwar bereits diskutiert und entsprechen teilweise den Bedürfnissen der Teilnehmenden, werden von den IV-Stellen aktuell jedoch nicht vorgesehen. Sollte sich dies künftig verändern, wären grundlegende Anpassungen der bestehenden Angebote und Arbeitsprozesse erforderlich. Insgesamt würde dies einen bedeutenden Wandel in der Arbeitsintegration mit sich bringen.
Können Sie zum Schluss ein persönliches Highlight im Zusammenhang mit Arbeitsintegration nennen?
Claudia: Ein besonderes Highlight war die Begleitung einer Person mit Long Covid über einen längeren Zeitraum im Rahmen einer Integrationsmassnahme. Über Arbeitstraining und Praktikum gelang der Übergang in eine Festanstellung mit einem Pensum von 40 Prozent und einer Teilrente. Bis heute muss die betroffene Person ihre Energie sorgfältig einteilen. Mittlerweile arbeitet sie in einem Betrieb und hat dort einen eigenen Fachbereich aufgebaut. Diese Entwicklung zeigt eindrücklich, welches Potenzial in einer individuell abgestimmten Arbeitsintegration steckt.
Kevin: In Erinnerung geblieben ist die Geschichte einer Person, die ihre Integrationsmassnahme zunächst mit lediglich zwei Arbeitsstunden pro Tag begann und gleichzeitig ein begleitetes Wohnangebot nutzte. Mit zunehmender Stabilität im Wohn- und Arbeitsbereich konnte sie eine durch die IV finanzierte Lehre absolvieren. Daraus entstand eine feste Anstellung. Heute bildet diese Person selbst Lernende aus und übernimmt Verantwortung für andere. Ihre Entwicklung verdeutlicht, wie nachhaltige Arbeitsintegration neue Perspektiven eröffnen und Menschen weit über die ursprünglichen Erwartungen hinaus stärken kann.
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