Interview mit Stiftung Töpferhaus / Passus AG

Von Impact Immobilien am Juli 28, 2026

Linda Stucki und Daniel Aeberhard

Seite 13_GB_Passus AG

 

Linda Stucki I Mitglied der Geschäftsleitung Passus AG


 

 

Seite 13_GB_Stiftung Töpferhaus

 

Daniel Aeberhard I Geschäftsleitung Stiftung Töpferhaus, Delegierter Verwaltungsrat der Passus AG

 

 

Jeder Mensch trägt Entwicklungspotenzial in sich. Manchmal braucht es Zeit, Vertrauen und einen Ort, an dem dieses Potenzial wieder sichtbar werden darf.“

Gesundung und Potenzialentfaltung ist möglich.“

Die Passus AG engagiert sich für Menschen die in der beruflichen Integration stehen und unterstützt sie durch massgeschneiderte Angebote.

Das Interview für diesen Geschäftsbericht wurde u.a. mit Linda Stucki, Geschäftsführerin der PASSUS AG, geführt. Ergänzend flossen Einschätzungen von Daniel Aeberhard, Verwaltungsrat der PASSUS AG und Geschäftsführer der Stiftung Töpferhaus, in das Gespräch ein. Einst als Angebot der Stiftung Töpferhaus gestartet, wurde das Job-Coaching-Angebot nun in eine eigenständige AG überführt.

Was bedeutet für Sie Arbeitsintegration? 

Linda: Menschen mit psychischen Herausforderungen erhalten die Zeit und den Raum, Vertrauen aufzubauen und ihre eigenen Stärken wiederzuentdecken. Durch eine individuelle Begleitung werden sie darin unterstützt, ihre Handlungskompetenz zu stärken und neue Perspektiven für ein selbstbestimmtes Leben zu entwickeln.

Welche Zielgruppen begleiten Sie? 

Linda: Die Angebote richten sich an Jugendliche ab dem Schulabschluss sowie an Erwachsene bis ins Pensionsalter. Im Jugend- und Erwachsenenbereich begleiten wir Menschen auf ihrem Weg der beruflichen Integration – unter anderem in Zusammenarbeit mit der Stiftung Schloss Biberstein und der Stiftung Töpferhaus.

Ein besonderer Fokus liegt auf der Begleitung von Menschen mit psychischen Herausforderungen. Die Zuweisungen erfolgen insbesondere durch IV-Stellen. Zukünftig wird die Zusammenarbeit mit weiteren Kostenträgern und zuweisenden Stellen angestrebt.

Wie läuft bei Ihnen der Prozess der Arbeitsintegration ab (z.B. Aufbau / Ausbildung in eigenen Werkstätten über begleitete Wiedereingliederung im ersten Arbeitsmarkt und feste Arbeitsstelle?  

Linda: Dies ist individuell und kommt auf den Auftrag darauf an. So könnte ein mögliches Beispiel aussehen: Der Integrationsprozess beginnt mit einem Aufbautraining, das über einen Zeitraum von drei Monaten im Auftrag der Invalidenversicherung durchgeführt wird. Dabei starten die Teilnehmenden mit einem reduzierten Pensum von beispielsweise vier Einsätzen à zwei Stunden pro Woche, das schrittweise erhöht wird. Ziel ist es, eine stabile Belastbarkeit von rund 50 Prozent zu erreichen.

Sobald dieses Pensum nachhaltig gehalten werden kann, folgt ein Arbeitstraining. In dieser Phase werden die Leistungsfähigkeit, die beruflichen Ressourcen und die Entwicklungsmöglichkeiten der Teilnehmenden beurteilt. Darauf aufbauend wird gemeinsam die weitere Perspektive entwickelt – sei es eine Integration in den zweiten Arbeitsmarkt, der Übergang in den ersten Arbeitsmarkt oder die gezielte Stellensuche und Vermittlung. 

Bei Jugendlichen liegt der Fokus auf der Stabilisierung, der beruflichen Orientierung und der Suche nach einer geeigneten Lehrstelle. Dieser Prozess kann bis zu zwei Jahre dauern. Jugendliche können auch während der Ausbildung bis hin zur Anschlusslösung nach der Lehre von einem Coach begleitet werden.

Wann ist für Sie eine Arbeitsintegration gelungen und woran erkennen Sie, dass jemand wirklich angekommen ist? 

Linda: Besonders bereichernd ist die enge Zusammenarbeit mit den Menschen auf ihrem individuellen Weg. Es ist immer wieder eindrücklich zu erleben, wie Personen neues Vertrauen in ihre Fähigkeiten gewinnen, Selbstvertrauen aufbauen und Schritt für Schritt wieder Perspektiven entwickeln. Zu den schönsten Erfolgen zählt, wenn Klientinnen und Klienten den Bewerbungsprozess wieder eigenständig bewältigen und den Weg zurück in die Arbeitswelt finden. Eine nachhaltige Festanstellung ist dabei nicht nur ein wichtiger Meilenstein, sondern auch Ausdruck der gewonnenen Selbstständigkeit.

Arbeit kann stabilisierend wirken aber auch überfordern. Wie finden Sie die richtige Balance für jeden Einzelnen?

Linda: Die Begleitung erfordert ein hohes Mass an Fingerspitzengefühl und erfolgt stets situativ und individuell. Es gilt, die richtige Balance zu finden: Die Teilnehmenden sollen gefordert, aber nicht überfordert werden. Viele möchten leistungsfähig sein und aktiv am Arbeitsleben teilhaben, stossen jedoch aufgrund ihrer persönlichen Situation an Grenzen. Eine verlässliche Tagesstruktur wirkt dabei stabilisierend und kann einen wichtigen Beitrag zum Genesungs- und Entwicklungsprozess leisten. Gleichzeitig ist die Rückkehr in den Arbeitsmarkt oft mit Unsicherheiten und Ängsten verbunden. Umso wichtiger ist es, positive Erfahrungen zu ermöglichen, Erfolgserlebnisse zu schaffen und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten Schritt für Schritt zu stärken. Das übergeordnete Ziel besteht darin, die Menschen auf ihrem Weg zu einem möglichst selbstständigen und selbstbestimmten Leben zu unterstützen.

Was verändert sich für einen Menschen, dem Arbeitsintegration gelingt - über die Anstellung hinaus? 

Linda: Ein zentraler Erfolgsfaktor ist die Stärkung des Selbstvertrauens durch positive Erlebnisse. Viele Menschen treten mit dem Gefühl ein, nicht mehr gebraucht zu werden oder keinen Wert mehr zu haben. Gelingt es ihnen, ihre Fähigkeiten wieder zu erkennen und Vertrauen in die eigene Person zurückzugewinnen, wird eine spürbare positive Veränderung sichtbar. Mit dem wachsenden Selbstvertrauen steigt auch die Kraft, wieder aktiv zu handeln und Verantwortung für die eigene Zukunft zu übernehmen. Es entsteht eine positive Aufwärtsspirale: Neue Kontakte werden geknüpft, soziale Beziehungen gestärkt und die Erkenntnis wächst, mit den eigenen Herausforderungen nicht allein zu sein. Viele Teilnehmende erleben gegenseitige Unterstützung, Ermutigung und ein wertvolles Gemeinschaftsgefühl.

Welches sind aktuell die grössten Hürden auf dem Weg zur Arbeitsintegration - sei es auf Seite der Teilnehmenden, bei Ihnen oder auf Seite der Arbeitgeber? 

Linda: Eine mögliche Herausforderung sind zeitliche Vorgaben der IV-Massnahmen. Psychische Herausforderungen sind oft komplex und nicht unmittelbar sichtbar, was die Einschätzung und Begleitung anspruchsvoll macht. Auch die Übergänge zwischen den verschiedenen Systemen gestalten sich häufig schwierig, insbesondere beim Schritt von einer klinischen Behandlung zurück in den Alltag. Passen individuelle Verläufe nicht in die bestehenden Strukturen und Abläufe, entstehen mitunter komplexe Situationen, die eine flexible und koordinierte Zusammenarbeit erfordern.

Wie sensibilisieren Sie Arbeitgeber für die besonderen Eigenschaften und Bedürfnisse der Arbeitsuchenden - ohne dass eine Stigmatisierung entsteht? 

Linda: Eine direkte und offene Kommunikation zwischen allen Beteiligten ist zentral für einen erfolgreichen Integrationsprozess. Während des gesamten Einsatzes steht ein Coach zur Verfügung, welcher sowohl die teilnehmenden Personen als auch die Arbeitgebenden begleitet und unterstützt. Dadurch wird eine verlässliche Ansprechstruktur geschaffen, die Orientierung gibt und den Prozess stabilisiert.

Mit welchen Partnern (Behörden, Unternehmen, Institutionen, etc.) arbeiten Sie eng zusammen und was macht diese Kooperation erfolgreich? 

Linda: Die Zusammenarbeit erfolgt mit einem breiten Netzwerk an Partnern. Dazu gehören insbesondere die Invalidenversicherung als zentrale Zuweiserin sowie psychologische Fachstellen und Beistandschaften. Ergänzend bestehen Kooperationen mit weiteren Institutionen, betreuten Wohnformen, Schulen sowie weiteren relevanten Akteuren im Umfeld der sozialen und beruflichen Integration.

Wichtig für die Sichtbarkeit und Verankerung des Angebots sind persönliche Begegnungen sowie die kontinuierliche Weiterempfehlung. Die teilnehmenden Personen können während der Integrationsphase eine wertvolle Arbeitsleistung erbringen, während ihr Lebensunterhalt durch Taggelder der Invalidenversicherung abgesichert ist. Für Arbeitgebende bedeutet dies eine niederschwellige Möglichkeit, potenzielle Mitarbeitende im Arbeitsalltag kennenzulernen und sie schrittweise in den Betrieb zu integrieren, ohne dass in der Anfangsphase die vollen Lohnkosten anfallen. Dies ergibt eine schöne Win-Win-Situation.

Wie schätzen Sie den Rückhalt und die Bereitschaft zur Finanzierung in Gesellschaft und Politik ein? 

Linda: Insgesamt besteht ein gut ausgebautes Sozialsystem, in dem die einzelnen Versicherungs- und Unterstützungssysteme grundsätzlich gut funktionieren und eine umfassende Absicherung gewährleisten. Die IV unterstützt den Prozess zudem mit verschiedenen Instrumenten wie Einarbeitungszuschüssen, Coaching während der Probezeit sowie – je nach Situation – auch mit Teillohnmodellen und ergänzenden Ausgleichsleistungen. Dadurch wird der Übergang in eine nachhaltige Anstellung gezielt gefördert.

Welche Rolle spielt der Standort (Räumlichkeiten, Lage, Umfeld) für ihre tägliche Arbeit und für die Menschen, die Sie begleiten?

Linda: Die räumliche Umgebung spielt eine zentrale Rolle. Gerade in belasteten Lebenssituationen ist es entscheidend, dass ein sicherer und angenehmer Ort zur Verfügung steht, an dem sich Menschen wohlfühlen können. Der Standort in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof – mit nur wenigen Gehminuten – stellt dabei einen grossen Vorteil dar. Kurze und niederschwellige Wege senken die Hürde, insbesondere für Personen, denen das Verlassen des Hauses ohnehin schwerfällt. Auch im Jugendbereich erweist sich die gute Erreichbarkeit als besonders wertvoll. Ebenso wichtig ist die Gestaltung der Innenräume. Eine kreative, bunte und einladende Atmosphäre sowie ausreichend Rückzugs- und Ruhemöglichkeiten tragen wesentlich dazu bei, dass sich die Menschen sicher und wohl fühlen. Unterschiedliche Raumangebote und flexible Nutzungsmöglichkeiten ermöglichen die Berücksichtigung individueller Bedürfnisse.

Daniel: Die Räume sollen so konzipiert sein, dass sie sich den jeweiligen Angeboten und Bedürfnissen anpassen lassen und je nach Nutzung als grössere oder kleinere Einheiten genutzt werden können. Ebenso wichtig sind ausreichend Rückzugs- und Ruheräume, die den unterschiedlichen Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer gerecht werden. Ein zentraler Grundsatz ist dabei die konsequente Einbeziehung der betroffenen Personen. Ihre Erfahrungen, Wünsche und Anforderungen werden frühzeitig erfasst und in die Planung integriert, damit ein Umfeld entsteht, das Sicherheit, Wohlbefinden und eine bedarfsgerechte Nutzung ermöglicht.

Wie wird sich Arbeitsintegration durch Digitalisierung (Remote-Arbeit, flexible Modelle, KI am Arbeitsplatz, etc.) und Veränderungen im Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren verändern?

Linda: Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Bewerbungsprozess eröffnet neue Möglichkeiten, insbesondere bei der Erstellung und Optimierung von Lebensläufen sowie der Vorbereitung auf Bewerbungen. Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Entwicklungen mit einer gewissen Unsicherheit und einem gesunden Respekt vor den kommenden Veränderungen verbunden sind. Trotz zunehmender Digitalisierung bleibt die persönliche Begleitung zentral. Eine stabile Bezugsperson ist weiterhin entscheidend, um Orientierung zu geben, Prozesse zu begleiten und individuelle Unterstützung sicherzustellen. Auch der Umgang mit digitalen Medien ist differenziert zu betrachten: Eine kurze Nutzung des Smartphones kann beispielsweise zur emotionalen Regulation beitragen und entlastend wirken. Gleichzeitig ist das Suchtpotenzial digitaler Angebote erheblich und erfordert einen bewussten und reflektierten Umgang im Alltag.

Daniel: Der Arbeitsmarkt ist im Wandel und wird sich in den nächsten Jahren verändert. Ich finde es schwierig einzuschätzen wie z. B. KI den Arbeitsmarkt verändern wird, welche Branchen Gewinner sind, welche Verlierer dieser Entwicklung. Für passus bleibt es sehr wichtig, dass wir in einem engen Austausch sind mit dem Arbeitmarkt und auf diese Veränderungen frühzeitig reagieren können. Dies ist kein spzifisches Arbeitsintegrationsthema. Als Beispiel nehmen wird die Nutzung von Smartphones. Ob im Bus, im Tram oder im öffentlichen Raum – die meisten Menschen sind heute mit ihrem Smartphone beschäftigt. Nur noch wenige Personen sind unterwegs, ohne regelmässig auf ihr Handy zu schauen oder es zu nutzen. Die zunehmende Digitalisierung prägt den Alltag nahezu aller Bevölkerungsgruppen und stellt damit eine gesellschaftliche Entwicklung dar, die weit über den Integrationskontext hinausgeht.

Können Sie zum Schluss ein persönliches Highlight im Zusammenhang mit Arbeitsintegration nennen?

Linda: Für mich persönlich ist es ein besonderes Highlight, wenn Menschen an Selbstvertrauen gewinnen und ihre persönliche Entwicklung sichtbar wird. Es ist sehr bereichernd zu erleben, wie Personen ihre Fähigkeiten entfalten, neue Perspektiven entwickeln und zunehmend an Sicherheit gewinnen. Zu den besonderen Erfolgserlebnissen gehören auch Vermittlungen von Personen, die zuvor als schwer vermittelbar galten. Ebenso sind erfolgreiche Lehrabschlüsse von Lernenden wichtige Meilensteine, die zeigen, dass sich Engagement, Unterstützung und Durchhaltevermögen auszahlen. Solche Entwicklungen und Erfolge machen die Wirkung der geleisteten Arbeit sichtbar und sind von grosser Bedeutung.

Daniel: Jugendliche verfügen über ein grosses Potenzial, das durch gezielte Förderung und Begleitung erfolgreich entwickelt werden kann. Insbesondere im Bereich der Lehrvorbereitung zeigt sich, dass viele junge Menschen mit der richtigen Unterstützung den Einstieg in die Berufswelt schaffen. Gesundung und Potenzialentfaltung ist möglich.



 



 



 

 

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