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Interview mit Stiftung Passaggio

Geschrieben von Impact Immobilien | 28. Juli 2026

Christin Schaffernicht und Michel Hostettler 

 

Christin Schaffernicht I Mitglied der Geschäftsleitung


 

 

 

Michel Hostettler I Schreiner, Sozialpädagoge

 

 

 «Zentrale Werte in der Arbeitsintegration sind Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, Vertrautheit und Verfügbarkeit.» 

Sozialpädagogische Dienstleistungsorganisation, getragen von Menschen, die sich mit Leidenschaft und Herzblut für andere einsetzen. Im Zentrum ihres Wirkens steht der Kindsschutz: Mit fachlicher Kompetenz und grossem Engagement setzt sie sich für das Wohl, die Sicherheit und die Förderung von Kindern und Jugendlichen ein.

Was bedeutet für Sie Arbeitsintegration? 

Christin: Massnahmen und Unterstützungsangebote, die Menschen dabei helfen, den Weg in die Arbeitswelt zu finden, leisten einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe. Durch eine Erwerbstätigkeit erhält eine Person die Möglichkeit, aktiv am gesellschaftlichen Leben mitzuwirken und ihre Fähigkeiten einzubringen. Arbeit ist mehr als nur eine Einkommensquelle. Sie schafft Perspektiven, stärkt das Selbstvertrauen und fördert Selbstständigkeit, Unabhängigkeit sowie persönliche Freiheit. Die Integration in den Arbeitsmarkt ist daher ein zentraler Schritt auf dem Weg zu einem selbstbestimmten und eigenständigen Leben.

Michel: Für mich lässt sich Arbeitsintegration wie folgt beschreiben: Vormachen, Mitmachen, Nachmachen und selber machen. Unsere Arbeit beginnt an der Wurzel. Gemeinsam mit den Jugendlichen fördern wir grundlegende Kompetenzen, die für eine erfolgreiche Teilhabe am Arbeitsleben und in der Gesellschaft unverzichtbar sind. Dazu gehören insbesondere Ausdauer, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit. In einem geschützten und sicheren Umfeld vermitteln wir den Jugendlichen praxisnah, wie Arbeitsintegration funktioniert. Dabei begleiten wir sie Schritt für Schritt auf ihrem Weg zu mehr Selbstständigkeit.

Welche Zielgruppen begleiten Sie? 

Christin: Wir begleiten Kinder ab dem Kindergartenalter bis hin zum jungen Erwachsenenalter mit besonderen Herausforderungen auf ihrem Lebensweg. Viele von ihnen verfügen über keinen regulären Schulabschluss oder haben Unterbrüche in ihrer Schul- oder Ausbildungslaufbahn erlebt. Oft fehlt im Anschluss die Fähigkeit oder die Möglichkeit, selbstständig den Weg in eine Berufslehre oder eine Erwerbstätigkeit zu finden. Ein Teil der von uns begleiteten Personen ist psychisch stark belastet und hat im familiären oder sozialen Umfeld nur wenig oder gar keine unterstützenden Erfahrungen gemacht. Die Hintergründe und Lebensgeschichten sind dabei sehr unterschiedlich. Unsere Zielgruppe ist vielfältig und bringt unterschiedliche Voraussetzungen, Ressourcen und Entwicklungsfelder mit. Entsprechend individuell gestalten wir unsere Begleitung.

Michel: Wir begleiten sowohl Schweizer Jugendliche und junge Erwachsene als auch Menschen mit Migrationshintergrund in ihren täglichen Herausforderungen. Unabhängig von ihrer Herkunft stehen oft ähnliche Themen im Mittelpunkt: die Suche nach Orientierung, die Entwicklung einer beruflichen Perspektive, die Stärkung des Selbstvertrauens sowie die Bewältigung persönlicher, sozialer oder schulischer Herausforderungen. Wir sind überzeugt, dass Bildung einer der wichtigsten Schutzfaktoren für ein selbstbestimmtes und gelingendes Leben ist.

Wie läuft bei Ihnen der Prozess der Arbeitsintegration ab (z.B. Aufbau / Ausbildung in eigenen Werkstätten über begleitete Wiedereingliederung im ersten Arbeitsmarkt und feste Arbeitsstelle)?

Christin: Im Zentrum steht die Frage, welche beruflichen Wünsche und Perspektiven die Jugendlichen haben. Während einige bereits klare Vorstellungen von ihrer Zukunft und ihrem Berufswunsch mitbringen, befinden sich andere noch in einer Orientierungsphase. Die Stiftung Passaggio bietet verschiedene handwerkliche Berufsfelder an, in die die Jugendlichen Einblick erhalten und erste praktische Erfahrungen sammeln können. Unser internes Angebot ist bewusst überschaubar. Dies hat den Vorteil, dass wir eine individuelle und eng begleitete Förderung ermöglichen können. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt jedoch nicht primär auf der Vielfalt der internen Angebote, sondern auf der persönlichen Entwicklung der Jugendlichen. Es geht darum, grundlegende Kompetenzen für das Leben und die Arbeitswelt zu fördern, Selbstvertrauen aufzubauen und eine stabile Basis für die weitere berufliche und persönliche Entwicklung zu schaffen. Zwar arbeiten wir auch mit externen Betrieben zusammen, doch zeigt die Erfahrung, dass viele Jugendliche zunächst einen geschützten und verlässlichen Rahmen benötigen. Erst wenn ein grundlegendes Vertrauen entstanden ist und die nötige Stabilität vorhanden ist, können erste Schritte in externe Arbeitsumfelder erfolgreich und nachhaltig gestaltet werden.

Michel: Intern gibt es folgende Bereiche: Küche (inkl. externer Kita-Belieferung), Hauswirtschaft, technischer Dienst (u. a. Schlüssel- und Zylinderarbeiten), Schreinerei (interne und externe Dienstleistungen), Malerei sowie Gartenbau und Gartenarbeiten (ebenfalls intern und extern). Alle Jugendlichen durchlaufen denselben Einstieg: Zunächst absolvieren sie ein Arbeitstraining im dreiwöchigen Rhythmus, beispielsweise in der Küche oder Schreinerei. Intern besteht die Möglichkeit, eine Lehrstelle zu absolvieren. Dies ist jedoch nicht unser primäres Ziel. Im Vordergrund steht der Aufbau von Arbeitsfähigkeit und Stabilität, um den Übergang in eine externe Lehrstelle erfolgreich zu gestalten. Der Prozess ist stark beziehungsorientiert: Wir bleiben kontinuierlich an der Seite der Jugendlichen, schaffen Vertrauen und eröffnen so schrittweise Entwicklungsspielräume. Die Wege sind individuell und können unterschiedlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Arbeitsintegration findet teilweise parallel zur Wohnsituation statt.

Wann ist für Sie eine Arbeitsintegration gelungen und woran erkennen Sie, dass jemand wirklich angekommen ist? 

Christin: Wir verstehen unsere Arbeit als Zwischen- und Entwicklungsschritt hin zur Lohnarbeit. Eine erfolgreiche Anschlusslösung bedeutet dabei nicht zwingend vollständige finanzielle Unabhängigkeit oder eine durchgängige Erwerbsintegration. Es gibt Menschen, die dauerhaft auf Unterstützung angewiesen bleiben oder nur teilweise im ersten Arbeitsmarkt Fuss fassen können. Auch in solchen Fällen kann eine stabile und passende Lösung als gelungene Arbeitsintegration gelten. Entscheidend ist nicht ein einzelner Endpunkt, sondern die Nachhaltigkeit der individuellen Lebens- und Arbeitssituation.

Michel: In den letzten acht Jahren habe ich rund 200 Jugendliche begleitet. Auch wenn ich heute auf Personen aus früheren Jahren treffe, die einer bezahlten Tätigkeit nachgehen, lässt sich daraus nicht automatisch ableiten, dass der gesamte Prozess aus unserer Sicht „gelungen“ ist. Wir verstehen uns vielmehr als ein Puzzleteil innerhalb eines grösseren Entwicklungs- und Lebensweges.

Arbeit kann stabilisierend wirken aber auch überfordernd. Wie finden Sie die richtige Balance für jeden Einzelnen?

Christin: Ein Ort zu sein, an dem wir einander zuhören, die tägliche Befindlichkeit aufmerksam wahrnehmen, beobachten und offen ansprechen, ist zentral für unsere Arbeit. Wenn beispielsweise auf der Wohngruppe ein Thema präsent ist, kann gemeinsam geprüft werden, wie sich Stabilisierung im Arbeitsbereich unterstützen lässt. Dabei schaffen wir Klarheit, Orientierung und Sicherheit – erst diese Grundlagen ermöglichen es, dass die Arbeit stabilisierend wirken kann.

Michel: Wir schaffen einen sicheren Ort und arbeiten konsequent auf der Beziehungsebene. Dabei haben wir die Möglichkeit, Druck herauszunehmen und einen geschützten Rahmen zu bieten. Dieser Schutz darf jedoch nicht übermässig werden, da Entwicklung auch Herausforderung braucht. Zentrale Werte in der Arbeitsintegration sind Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, Vertrautheit und Verfügbarkeit. Im Mittelpunkt steht ein echtes, wahrhaftiges Interesse am Menschen als Ganzes. Ziel ist es, die Person umfassend wahrzunehmen und nicht auf eine reine Funktion oder Ausbildung zu reduzieren, etwa im Sinne von „du machst bei uns einfach die Schreinerlehre“.

Wie schätzen Sie den Rückhalt und die Bereitschaft zur Finanzierung in Gesellschaft und Politik ein? 

Christin: Wir erleben in der Praxis immer wieder, wie anspruchsvoll die Klärung von Zuständigkeiten und Finanzierungen sein kann. Insbesondere beim Übergang von der obligatorischen Schulzeit in Arbeitsintegrationsmassnahmen müssen Leistungen häufig zwischen IV, Sozialdiensten und weiteren Stellen ausgehandelt werden. Für die betroffenen jungen Menschen und ihre Familien sind diese Prozesse oft schwer nachvollziehbar und ohne professionelle Unterstützung kaum zu bewältigen. Nicht selten führt dies zu Überforderung oder dazu, dass notwendige Unterstützung verzögert erfolgt. Ein weiterer kritischer Übergang ist die Volljährigkeit, bei der sich Zuständigkeiten und Unterstützungsstrukturen teilweise grundlegend verändern. Umso wichtiger wäre es, dass Gesellschaft, Politik sowie die zuständigen Fachstellen und Dienste anerkennen, dass Investitionen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter nicht nur elementar, sondern auch langfristig wirksam und nachhaltig sinnvoll sind. 

Welche Rolle spielt der Standort (Räumlichkeiten, Lage, Umfeld) für ihre tägliche Arbeit und für die Menschen, die Sie begleiten? 

Christin: Auf dem Land kann Gesundung in der Natur besonders gut gelingen – oft einfacher und unmittelbarer als in der Stadt. Die geringe Anonymität hat dabei zwei Seiten: Einerseits kennt man uns und die Jugendlichen, andererseits ist man selbst sichtbar. Das schafft Begegnung auf Augenhöhe. So entstehen stabile Beziehungen und ein starkes Miteinander. Gleichzeitig braucht es immer wieder Übersetzungsarbeit und Verständnisförderung gegenüber der Dorfgemeinschaft.

Michel: Wir sind ländlich gelegen, aber gut erreichbar – ein wichtiger Vorteil. Gleichzeitig bieten wir viel Raum, was für Jugendliche zentral ist: Sie brauchen Platz, um sich frei und ohne Enge entfalten zu können. Mit regelmässigen Tagen der offenen Tür, Einblicksmöglichkeiten und unserer Präsenz am Weihnachtsmarkt gemeinsam mit den Jugendlichen schaffen wir Nähe und Transparenz. Wer weiss, wer wir sind und was wir tun, begegnet uns eher auf Augenhöhe.

Können Sie zum Schluss ein persönliches Highlight im Zusammenhang mit Arbeitsintegration nennen? 

Christin: Begegnungen mit Jugendlichen in ihrem Arbeitskontext – oft unerwartet und gerade deshalb besonders wertvoll. Viele sind seit Jahren bereits erstaunlich souverän unterwegs. Es sind Momente voller Freude, wenn sichtbar wird, dass sie in ihrem Arbeitsfeld angekommen sind und ihren Platz gefunden haben.

Michel: Wenn Jugendliche ein Diplom erhalten, halten sie etwas in den Händen, das ihnen niemand mehr nehmen kann. Gerade bei vielen, denen über Jahre hinweg vermittelt wurde, sie würden es ohnehin nicht schaffen, ist dieser Moment von besonderer Bedeutung – ein sichtbarer Beweis ihres Erfolgs und ihrer Entwicklung.