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Interview mit Malerei Doppelpunkt

Geschrieben von Impact Immobilien | 28. Juli 2026

Urs Schaerer

 

Urs Schaerer I Geschäftsführer Malerei, Mitglied der Geschäftsleitung


 

 

 

«Für mich ist Arbeitsintegration gelungen, wenn eine Person Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurückgewinnt und nachhaltig ihren Platz in der Arbeitswelt findet.»

 

Die Malerei Doppelpunkt verbindet professionelles Handwerk mit sozialem Engagement und betreibt zudem einen eigenen Farbladen in Kölliken, in dem Kunden individuell gemischte Wunschfarben erhalten.

 

Was bedeutet für Sie Arbeitsintegration? 

Im Grunde sagt es das Wort bereits selbst: Menschen den Zugang zur Arbeit zu ermöglichen und sie auf diesem Weg zu begleiten, sodass sie ihre Fähigkeiten einbringen und am Berufsleben teilhaben können.

Welche Zielgruppen begleiten Sie? 

Grundsätzlich erhält bei uns jede Person die Chance, wieder Fuss im Arbeitsleben zu fassen. Wir unterstützen Jugendliche und Erwachsene auf ihrem beruflichen Weg – sei es im Rahmen eines Aufbautrainings, einer PrA Ausbildung oder einer EBA- oder EFZ-Lehre. Wir begleiten Menschen, die aufgrund eines Unfalls oder anderer einschneidender Lebensereignisse aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden sind und eine neue berufliche Perspektive suchen. Dabei arbeiten wir eng mit der Stiftung Wendepunkt zusammen. Unsere Teilnehmenden sind zwischen 15 und 65 Jahre alt. Diese grosse Altersspanne bringt sehr unterschiedliche Bedürfnisse und Anforderungen mit sich. Entsprechend gestalten sich auch die Einsätze unterschiedlich: Wir begleiten sowohl Personen in kurzfristigen als auch in langfristigen Anstellungsverhältnissen.

In welchen Berufen findet Ihre Klientel eine Arbeit? 

Als Tochtergesellschaft der Stiftung Wendepunkt decken wir intern insbesondere die Bereiche Zimmerei und Malerei ab. Über die Stiftung selbst bestehen weitere Einsatz- und Ausbildungsmöglichkeiten in den Berufsfeldern Logistik, Bäckerei, Konditorei und Automechanik. Je nach individuellen Fähigkeiten und dem Entwicklungsstand der Person sind verschiedene Einsatzformen möglich. Einige unserer Teilnehmenden führen bereits gemeinsam mit einer Gruppenleitung externe Aufträge bei Kundinnen und Kunden aus. Andere arbeiten in einem geschützten Rahmen in unseren eigenen Räumlichkeiten und werden dort Schritt für Schritt an die Anforderungen des Arbeitsmarktes herangeführt. Unsere Aufträge stammen überwiegend von Privatpersonen. Diese verlassen sich auf die Qualität unserer Arbeit und die Einhaltung vereinbarter Termine. Wir dürfen auf einen langjährigen und treuen Kundenstamm zurückgreifen, den wir uns in den vergangenen 30 Jahren aufgebaut haben.

Wie läuft bei Ihnen der Prozess der Arbeitsintegration ab (z.B. Aufbau / Ausbildung in eigenen Werkstätten über begleitete Wiedereingliederung im ersten Arbeitsmarkt und feste Arbeitsstelle)?

Der Prozess der Arbeitsintegration ist bei uns sehr individuell und richtet sich nach den Bedürfnissen und Möglichkeiten der jeweiligen Person. Zuweisungen erfolgen aus verschiedenen Bereichen, z. B. Invalidenversicherung, Schulen, Wohninstitutionen oder der Stiftung Wendepunkt, die oft auch Coaching und Begleitung übernimmt. Zu Beginn findet ein Kennenlerngespräch zur Klärung von Ausgangslage, Erwartungen und Zielen statt. Manche Personen kommen mit konkreten Vorstellungen, andere benötigen zuerst Orientierung und eine schrittweise Heranführung an die Arbeitswelt.

In der Regel folgt eine ein- bis zweiwöchige Schnupperphase, um die Passung von Tätigkeit und Umfeld zu prüfen. Danach kann ein Arbeitstraining starten, oft beginnend mit einem sehr kleinen Pensum (z. B. 1 Stunde pro Tag), das je nach Belastbarkeit schrittweise gesteigert wird. Zusätzlich bieten wir durch die IV finanzierte Aufbautrainings von ein bis drei Monaten an, in denen Belastbarkeit und Entwicklung eingeschätzt werden. Verlängerungen sind möglich. Die Anstellungsbedingungen sind flexibel und individuell gestaltet.

Ziel ist die Integration in den ersten Arbeitsmarkt, sei es über eine externe Anstellung oder eine Lehre. Längerfristige Arbeitsplätze sind möglich, aber selten; wir verstehen uns grundsätzlich als Übergangslösung zur beruflichen Integration.

Wann ist für Sie eine Arbeitsintegration gelungen und woran erkennen Sie, dass jemand wirklich angekommen ist?

Für mich bedeutet das gelungene Arbeitsintegration: Nach einer schwierigen Phase wieder Zuversicht gewinnen, Ressourcen stärken und den Weg zurück in Ausbildung oder ersten Arbeitsmarkt finden – mit dem Ziel langfristiger beruflicher Selbstständigkeit. Entscheidend ist dabei eine Perspektive und der nächste Schritt im beruflichen Weg, nicht zwingend vollständige Selbstständigkeit. Ein aktuelles Beispiel: Eine junge Frau musste im 3. Lehrjahr ihrer Schneiderausbildung wegen Burnout unterbrechen und wurde über die IV und die Stiftung Wendepunkt für ein Aufbautraining vermittelt. Gemeinsam wurden klare Ziele definiert, mit dem Fokus auf die Wiederaufnahme der Ausbildung. Sie startete mit einem Pensum von 1 Stunde pro Tag, das schrittweise und an ihre Belastbarkeit angepasst gesteigert wurde. Parallel unterstützte die Stiftung Wendepunkt sie bei der Suche nach einer passenden Lehrstelle. Inzwischen hat sie eine neue Lehrstelle gefunden und kann im 3. Lehrjahr ihrer Ausbildung weitermachen. Sie wird weiterhin coachend begleitet, um den Übergang zu stabilisieren.

Arbeit kann stabilisierend wirken aber auch überfordernd. Wie finden Sie die richtige Balance für jeden Einzelnen? 

Das Wichtigste ist die Kommunikation sowie ein gutes Beobachten und Gespür für die Menschen. Da wir sehr nah mit unseren Teilnehmenden zusammenarbeiten, merken wir meist schnell, wenn jemand überfordert ist. Die Belastbarkeit ist von Person zu Person unterschiedlich – deshalb passen wir das Pensum und die Anforderungen individuell an. Entscheidend ist zudem der regelmässige Austausch mit allen beteiligten Stellen, damit Arbeit stabilisiert und nicht zur Überforderung wird.

Was verändert sich für einen Menschen, dem Arbeitsintegration gelingt - über die Anstellung hinaus? 

Wenn Arbeitsintegration gelingt, verändert sich oft viel mehr als nur die berufliche Situation. Die Menschen gewinnen an Selbstständigkeit, Selbstvertrauen und Lebensqualität. Sie können ihren Lebensunterhalt selbst finanzieren, eine eigene Wohnung bezahlen, eine Familie gründen oder unabhängiger leben. Arbeit bedeutet nicht nur Einkommen, sondern auch Teilhabe, Struktur und die Möglichkeit, das eigene Leben selbst zu gestalten.

Welches sind aktuell die grössten Hürden auf dem Weg zur Arbeitsintegration - sei es auf Seite der Teilnehmenden, bei Ihnen oder auf Seite der Arbeitgeber? 

Eine der grössten Herausforderungen ist die Balance zwischen unserem sozialen Auftrag und den wirtschaftlichen Anforderungen. Als Tochtergesellschaft der Stiftung Wendepunkt und eigenständige AG müssen wir wirtschaftlich arbeiten und gleichzeitig den individuellen Bedürfnissen unserer Teilnehmenden gerecht werden. Zeitdruck, die Tagesform der einzelnen Personen und die Verantwortung unserer Gruppenleitenden machen dies oft zu einem anspruchsvollen Spagat.

Zudem ist Arbeitsintegration nur dann erfolgreich, wenn alle Beteiligten mitziehen. Es braucht eine gute Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Stellen und den betroffenen Personen selbst. Auch im Ausbildungsbereich gibt es Hürden: Nicht alle erfüllen die Voraussetzungen für eine EFZ-Lehre. Gleichzeitig zeigen unsere Erfahrungen, dass Entwicklung möglich ist – wir haben bereits Personen begleitet, die mit einer PrA-Ausbildung gestartet sind und später erfolgreich eine EFZ-Lehre abschliessen konnten.

Mit welchen Partnern (Behörden, Unternehmen, Institutionen, etc.) arbeiten Sie eng zusammen und was macht die Kooperation erfolgreich?

Wir arbeiten eng mit der Stiftung Wendepunkt, dem RAV, Sozialdiensten sowie verschiedenen Institutionen wie beispielsweise Orte zum Leben oder dem Töpferhaus zusammen. Die Zuweisungen der Teilnehmenden laufen jedoch zentral über die Stiftung Wendepunkt. Das hat den Vorteil, dass die Abklärungen koordiniert erfolgen, die Zuständigkeiten klar geregelt sind und keine Doppelspurigkeiten entstehen. Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sind ein regelmässiger Austausch, klare Kommunikation und das gemeinsame Ziel, die bestmögliche Unterstützung für die betroffenen Personen zu gewährleisten, entscheidend.

Wie schätzen Sie den Rückhalt und die Bereitschaft zur Finanzierung in Gesellschaft und Politik ein? 

Im Vergleich zu vor rund 20 Jahren hat sich die gesellschaftliche und politische Akzeptanz der Arbeitsintegration deutlich positiv entwickelt. Heute besteht ein viel grösseres Verständnis für unsere Arbeit und deren Bedeutung. Diese Entwicklung ist auch das Ergebnis unserer aktiven Bemühungen um Sichtbarkeit und Austausch – sei es durch die Teilnahme an Verbandsanlässen, Generalversammlungen oder direkten Gesprächen mit Entscheidungsträgern. Früher bestand teilweise das Vorurteil, dass wir regulären Unternehmen Arbeit wegnehmen würden, weil wir günstigere Preise anbieten. Das entspricht jedoch nicht der Realität: Auch wir arbeiten mit marktgerechten Preisen und bewegen uns klar innerhalb wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. In der Vergangenheit war es zudem schwieriger, überhaupt als anerkannter Partner in Verbände aufgenommen zu werden. Heute hat sich dies stark verbessert, was zeigt, dass der Rückhalt in Gesellschaft und Politik insgesamt gewachsen ist.

Welche Rolle spielt der Standort (Räumlichkeiten, Lage, Umfeld) für Ihre tägliche Arbeit und für die Menschen, die Sie begleiten?

Der Standort spielt für unsere tägliche Arbeit eine wichtige Rolle. Seit wir den neuen Standort sowie den Farbladen betreuen, haben wir eine gute Wirkung nach aussen und sind trotz nicht ganz zentraler Lage gut sichtbar. Die Räumlichkeiten sind teilweise etwas eng, was am Morgen kurz eine Herausforderung sein kann. Sobald jedoch die Teams auf den Baustellen sind, verteilt sich dies gut und der Arbeitsalltag läuft strukturiert weiter. Uns ist wichtig, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse unserer Teilnehmenden einzugehen. Dazu gehören auch Rückzugsmöglichkeiten und Orte zur Erholung. Hinter dem Gebäude bietet beispielsweise das Bächli eine ruhige Umgebung, die gerne genutzt wird. Ebenso achten wir darauf, dass die Arbeitsräume hell, offen und freundlich gestaltet sind, da dies das Wohlbefinden und die Stabilität der Personen positiv unterstützt.

Wie wird sich Arbeitsintegration durch Digitalisierung (Remote-Arbeit, flexible Modelle, KI am Arbeitsplatz, etc.) und Veränderungen im Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren verändern?

Für unsere tägliche Arbeit halten wir die Digitalisierung bewusst auf einem Minimum. Das ist teilweise auch eine Generationenfrage und hängt stark von den jeweiligen Bedürfnissen unserer Teilnehmenden ab. Trotzdem bringt die Digitalisierung auch klare Vorteile mit sich. Besonders im Alltag erleichtert sie uns die Kommunikation, zum Beispiel wenn wir Bilder von Baustellen austauschen oder schnell Rückfragen zu einem Farbton stellen können. So lassen sich Abläufe effizienter gestalten, ohne dass der persönliche Austausch verloren geht. Für die Zukunft sehen wir die Entwicklung eher pragmatisch: Digitale Hilfsmittel werden dort eingesetzt, wo sie sinnvoll unterstützen, während die praktische, handwerkliche Arbeit und die persönliche Begleitung weiterhin im Zentrum der Arbeitsintegration stehen.

Stellen Sie weitere Veränderungen beim Einstieg in die Arbeitswelt fest oder auch zu- oder abnehmende Tendenzen?

Generell nehmen Zeitdruck, Tempo und die Vielzahl an Kommunikationskanälen zu. Gleichzeitig steigen auch die Erwartungen von Bauherrschaften und Kundschaft deutlich. Diese Entwicklungen stellen sowohl für Betriebe als auch für Lernende eine zusätzliche Herausforderung dar.

Können Sie zum Schluss ein persönliches Highlight im Zusammenhang mit Arbeitsintegration nennen?

Ein persönliches Highlight ist für mich immer dann erreicht, wenn eine Arbeitsintegration erfolgreich gelingt. Besonders freut es uns, wenn wir Rückmeldungen erhalten, dass die Person im neuen Umfeld stabil ist, sich weiterentwickelt und ihren Weg gut weitergehen kann. Genau diese nachhaltigen Erfolge und positiven Rückmeldungen zeigen uns, dass unsere Arbeit Wirkung hat.